Gesellschaft und Kind

Meinungen II

Ebenso wie dieser Blog hat auch mein Studium etwas ruhen müssen – wenn man vor lauter Babywampe nicht mehr bequem sitzen kann und dank nicht fremdbetreutem Duracellhäschen auch sowieso nicht mehr die Kraft hätte sich zu setzen, dann arbeitet es sich schlecht.

Es ist wirklich wahr – ich habe in dieser Zeit ein paar Dinge gewagt, die einigen Leuten in meiner Familie unaussprechlich scheinen.

1. Ich habe mich verlobt.
2. Ich habe geheiratet.
3. Ich habe ein zweites Kind bekommen.

Und das alles im siebten Semester meines Studiums, denn ja, ich habe

4. die Regelstudienzeit überzogen.

Wer an all dem Schuld ist? Tja, da scheiden sich die Geister. Wobei sich allerdings alle einig sind ist, dass das der Anfang vom Ende ist. Meine Frage nach dem Warum konnte und wollte mir allerdings niemand verraten.

Was der schlimmste Punkt ist, da ist man sich nicht einig. Das Überziehen der Regelstudienzeit ist ein guter Kandidat, denn das zeigt doch, wie wenig ernst mir mein Studium ist. Es ist ja nur Sozialpädagogik! Und das nicht in sechs Semestern zu schaffen… Tja, man kennt sie ja, diese Dauerstudenten. Pro forma an der Uni eingeschrieben, damit niemand nachfragt und es sich besser faulenzen lässt. Hat man nicht irgendwo einen Bericht über diesen Typen gelesen, der 67 Semester studiert hat? Da sieht man doch, wo sowas endet! Und wenn man dann schon anfängt mit all diesem Quatsch, die ein Studium künstlich in die Länge ziehen. Dem Kinderkriegen zum Beispiel.

Dass meine Schwiegereltern in dieser Hinsicht schwierig sind wusste ich. Was ich nicht wusste war, dass man einem ungeborenen Kind die Schuld am finanziellen Ruin einer ganzen Sippe geben kann, weil die Eltern lange darüber gesprochen haben und zu dem Schluss gekommen sind dass der Mann genug verdient um eine wenig anspruchsvolle Familie gut zu finanzieren und die Frau kein Problem damit hat mit dem Studium eventuell ein Jahr länger zu brauchen. Ja, dieses eine Kind mehr und diese, im Vergleich zu meiner vermutlichen Zeit als Erwerbstätige, meiner Meinung nach vernachlässigbare Zeit, die der Bachelor länger dauern wird, ruiniert sie alle. Meinen Mann, seine Eltern und alle ihre noch lebenden Verwandten. Denn wer sonst würde finanziell in die Pflicht genommen? Und schuld daran? Das Kind. Und ich. Aber ich bin ohnehin faul und nicht gut genug für ihr Bubchen, aber das ist nicht unser Thema. Zum Thema „fauler Student, der allen auf der Tasche liegt“ könnte ich Bücher füllen.
Andere waren weniger unfair. Ob wir uns das auch gut überlegt hätten. Warum wir eigentlich unbedingt ein zweites Kind wollten. Ob wir nicht lieber noch gewartet hätten, wir wären doch so jung und hätten noch so viel Zeit. Ob es das denn jetzt auch wirklich gewesen wäre, oder ob wir nach diesem etwa planten noch ein Kind in die Welt zu setzen. Was will man denn auch mit drei Kindern? Wofür braucht man die?
Ich habe in der gesamten Schwangerschaft kaum ein positives Wort darüber gehört. Die Worte die ich dagegen zur Genüge gehört habe waren „zu früh“, „unüberlegt“, „Leben verbaut“, „viel zu jung“, während dieselben Menschen meiner zwei Jahre jüngeren Cousine gesagt haben sie sollte sich ranhalten, irgendwann wäre es zu spät für Kinder. Wann es denn „endlich soweit“ wäre.
Der Unterschied zwischen uns? Sie hat zum Anfang meiner Schwangerschaft ihre Ausbildung beendet.

Klar, ich habe in den letzten Jahren gelernt, andere Meinungen zu ignorieren. Vielleicht lag es an diesem Hormoncocktail einer fast zwölfmonatigen Schwangerschaft. Vielleicht lag es an der Wut, weil das Kind, das direkt nach einer Fehlgeburt geplant und gewollt entstanden ist in der Familie mit einem entsetzten „Das war doch nicht etwa Absicht?“ begrüßt würde. Vielleicht war es auch einfach Unverständnis, weil ich eigentlich dachte, dass ich volljährig bin und damit sehr wohl in der Lage, zu entscheiden, wann und in welchem Umfang ich eine Familie gründe. Oder die Frage, die immer in meinem Kopf kreist: Wird das dritte Kind, das wir in ein paar Jahren haben wollen, gleich wann es kommt, überhaupt willkommen sein?

Im Endeffekt stört es mich ja nicht besonders, dass alle meinen ihr Zeitpunkt und ihre Art eine Familie zu gründen wäre das einzig Richtige. Ich überhöre all die ungefragten Ratschläge schon seit meiner ersten Schwangerschaft sehr erfolgreich. Was mich wirklich stört, ist die Meinung vieler Menschen, dass ich als Studentin meinen Kindern keine gute Mutter sein könnte. Oder dass ich die Kinder dazu benutze mich zu drücken.

Meine Schwiegerelten sind nach wie vor der Meinung, dass ich ab jetzt alle paar Jahre ein Kind bekommen werde und dann „wegen der Kinder“ als Hausfrau und Mutter daheim bleibe und mich von ihrem Sohn aushalten lasse. Gerade ich, die bisher noch keine vorlesungsfreie Zeit im Sommer (nach der Geburt des ersten Kindes) ohne einen Nebenjob verbracht hat. Die das sechs Monate alte Baby immer irgendwo unter hatte um im Schwimmbad zu arbeiten, die das eineinhalbjährige (und demnächst auch das zweieinhalbjährige und das zwei Monate alte) Kind einfach mitgenommen hat, um wenigstens ein paar Euro für die Haushaltskasse beisteuern zu können, mit dem Plan die bestmögliche Ausbildung zu bekommen und dann zum Hauptverdiener zu werden, während wir überlegen ob wir wirklich zwei Vollzeiteinkommen brauchen oder mein Mann eventuell versucht auf eine dreiviertel oder sogar eine halbe Stelle runter zu gehen? Wahrscheinlich nicht vorstellbar für jemanden, der selbst „wegen der Kinder“ als Hausfrau und Mutter zuhause geblieben ist…

Andere meinen, ich könnte meinen Kindern nichts bieten, solange ich studiere – nun, das eine Einkommen reicht für ein Eigenheim und Essen bis zum Monatsende – und wenn ich mich umsehe und sehe, in wie viel Spielzeug unser Wohnzimmer versinkt (weil es nicht mehr ins Kinderzimmer passt) und wie groß der Wäscheberg ist, den ich zwischen Kinderzimmer und Waschküche hin und her schiebe, der kann mir nicht erzählen, dass es ihnen an irgendetwas mangelt.
Klar, wir können uns Dinge nicht leisten. Ein Urlaub, der über ein verlängertes Wochenende an der Ostsee hinausgehen würde, wäre in der momentanen Situation niemals drin. Das Geld, das wir brauchen, um den Hof zu pflastern, muss anderswo eingespart werden und ich habe mir seit drei Jahren keine neuen Kleider mehr gekauft. Ich bin mir auch nicht zu schade Anträge auf Kostenübernahme für die Kindergartengebühren  zu stellen, in der Hoffnung zumindest einen Zuschuss zu bekommen und werde kein Kind in eine U3-Betreuung geben, ehe ich weiß, ob wir die voll bezahlen müssten oder nicht (denn ein Krippenplatz kostet hier mal eben knapp 400€ im Monat – ohne Essen, Material- und Windelgeld). Aber soll ich was verraten?
Keiner von uns vermisst etwas.
Ich bin schon als Kind nie in Urlaub gefahren. Klar habe ich in der Grundschule irgendwann angefangen neidisch von den Kindern zu erzählen, die jedes Jahr ein- bis zweimal irgendwo hin gefahren sind, während meine „Mein schönstes Ferienerlebnis“-Aufsätze von Schwimmbadnachmittagen, Marmelade einkochen oder von dem Baumhaus handelten, das wir im Hühnerstall der Nachbarn gebaut haben. Aber mein ältestes Kind ist zweieinhalb Jahre alt. Sie kann sich unter „Urlaub“ noch gar nichts vorstellen. „Urlaub“ ist, wenn Papa ein paar Tage am Stück da ist und mit ihr coole Dinge im Garten baut, wie einen Zaun, ein Spielhaus oder einen Grillplatz. Und es ist ja nicht so, dass wir gar nicht wegkommen würden. Alle paar Jahre gönnen wir uns tatsächlich einen ausgedehnteren Urlaub. Das, was der Resturlaub vom Mann noch zulässt – denn wenn wir zu meinem Vater fliegen, kostet uns das exakt einen Flug, nämlich den von meinem Mann. Flüge von direkten Verwandten werden nämlich als „Familienzusammenführung“ gezählt und von der Firma meines Vaters übernommen. Und wer bei Verwandtschaft wohnt, spart sich teure Hotels.
Ich würde auch eher am Monatsende hungern, als meiner Großen ihr geliebtes Kinderturnen zu streichen, wenn das Geld nur für eins von beiden reichen würde. Aber es ist ja auch nicht nötig. Es reicht ja! Es reicht sogar soweit, dass wir überlegen mit den Kindern, wenn das Minimäuschen ein kleines bisschen älter ist, einfach mal in den Freizeitpark zu fahren (vielleicht sogar auch für ein ganzes Wochenende), was wir bisher nur nicht gemacht haben, weil unsere Kinder beide noch etwas zu klein sind um davon wirklich etwas zu haben. Und weil der (ebenfalls weit vom verhungern entfernte) Hund für die Zeit ja untergebracht sein will. Es reicht für viel Spielzeug (und Second Hand Spielzeug ist ja bekanntlich auch umweltfreundlicher) und es reicht um die beiden Bücherregale meiner büchersüchtigen Tochter bis zum überlaufen zu füllen (denn jedes Jahr wird auf dem „Jedes Buch 50 Cent“-Flohmarkt unserer Bücherei nachgekauft). Man muss nur wissen wie. Dann kann man sich viel leisten, auch wenn man nur ein Einkommen hat. Auch zwei Kinder.

Tatsächlich würde mich interessieren, ob anderen Paaren, bei denen beide einen Job haben, auch so viele Leute in etwas reinreden wollen, was so ziemlich das privateste und intimste ist, das ich mir vorstellen kann. Dass jemandem, der eine Vollzeitstelle hat, auch Verwandte (oder sogar entfernte Bekannte) verbieten wollen, sich fortzupflanzen, ja sogar verbieten wollen Sex zu haben, weil man ja immerhin gesehen habe, was da rauskomme (nämlich unser erstes Kind, das zugegebenermaßen ungeplant war). Ich unterhalte mich ja immerhin auch nicht mit Sozialhilfeempfängern und erkläre ihnen, man müsse zunächst sein Leben im Griff haben und für sich selbst sorgen können, ehe man einen Gedanken an die Fortpflanzung verschwendet. Ich finde den Gedanken des mündigen Erwachsenen und der freien Wahl der Lebensumstände nämlich eigentlich ganz nett.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s