Studium und Kind

Lerntag mit Kleinkind

Vor etwa einer Woche wurde Lotte zwei Jahre alt und ist nun in dem Alter von dem ich einmal dachte, dass es jetzt vielleicht etwas einfacher wird mit Kind und Studium. Aber was soll ich sagen? Am Ende ist man immer schlauer.
Es begann heute damit, dass Lotte morgens zwei Stunden im Wohnzimmer gesessen hatte, umringt von Legosteinen. „Turm bauen! Turm bauen!“ war ihre einzige Sorge, weshalb ich mir dachte, wenn man diese Ausdauer bis in den Nachmittag ziehen könnte, dann könnte man doch…
Ja halt nicht am Stück, so naiv bin ich dann doch nicht. Aber um zwölf Uhr fährt Papa zur Arbeit. Vorher noch kochen, dann essen – bekanntlich wollen Kinder ja gerne das, was sie gerade nicht haben können und Lotte kann sich schon sehr gut auf Dinge freuen. Vielleicht klappt es ja am Nachmittag eine halbe Stunde. Oder sogar eine ganze, wenn ich sie beim Bauen auf ihrem Badezimmertreppchen stehen lasse. Um einfach so sinnlos auf diesem Treppchen zu stehen tut sie ja bekanntlich alles.

Ich beschließe es etwas einfacher zu machen, denn ein gelangweilter Hund ist beim lernen auch nicht förderlich. Als Papa nach dem Essen  zur Arbeit fährt steht der Plan: Kind und Hund schnappen, eine mittlere Runde durchs Dorf und über den Berg und dann nach Hause und ab zu den Legos. Eineinhalb Stunden. Maximal. Um 12:30 gehen wir los.
Den ersten Strich macht mir Lotte schon an der Haustür durch die Rechnung: Egal dass sie die letzten zwei Wochen unbedingt jede Fünf-Meter-Strecke mit dem Buggy fahren wollte: „Leine laufen!“ Aber nicht nur das: den Buggy will sie natürlich auch schieben.  Nach zwei Metern schiebt sie ihn in den Rinnstein. Ich versuche ihn wieder aufs Trottoir zu heben. Zwergenaufstand schräg hinter mir: sie wollte ihn doch alleine schieben!
Nach einer Stunde und einem Kilometer erreichen wir die Hauptstraße und das ist der Moment an dem sie beschließt, dass Buggy schieben langweilig ist und vorlaufen viel spannender. Ich versuche mehrfach sie auf die richtige Seite zu bekommen (nämlich die, auf der man nicht auf dem Bordstein balancieren kann). Wie langweilig! Dieser Meinung wird auch lautstark Ausdruck verliehen und aus Trotz weiter geschlichen. Als wir die nächsten 500 Meter hinter uns gelegt haben und an der Bushaltestelle angekommen sind, ist anscheinend gerade der Unterricht an der Realschule beendet, denn das ganze Trottoir steht voll mit Kindern und Jugendlichen. Das ist an sich kein Problem, denn diese Kinder sind Eltern mit Babys und Kleinkindern gegenüber ausgesprochen höflich und zuvorkommend. Das Problem ist etwa 95cm groß und auch ausgesprochen höflich – sie muss nämlich jedem Schüler an der Bushaltestelle persönlich Hallo sagen.
Noch bevor sie fertig ist, ist der Bus da. Ich atme auf, weiß allerdings welche Strecke wir noch vor uns haben. Während wir weiter gehen, höre ich auch immer öfter den begeisterten Ruf: „Alles weiß! Alles weiß!“ Dieser Ruf ist eigentlich Tagen vorbehalten, an denen sie aufwacht und es hat über Nacht geschneit. Das war gestern der Fall und heute waren tatsächlich noch einige Schneehaufen in unregelmäßigen Abständen übrig geblieben. Mit dieser Erkenntnis klappen jeweils 10-500 Meter eigentlich ganz flott, dafür müssen wir allerdings an jedem Schneehaufen zehn bis zwanzig Minuten verbringen. Der Hund fängt an sich zu langweilen und setzt sich spontan zum pinkeln mitten auf die Kreuzung, während ich damit abgelenkt bin das ebenso spontan Richtung Straße losrennende Kind einzufangen und davon abzuhalten einen Schneeball in Richtung eines vorbeifahrenden Autos zu werfen. Ich ziehe den pinkelnden Hund schimpfend von der Straße. Das Kind weint, ob es ist weil ich laut werde oder weil sie nicht vor ein fahrendes Auto rennen darf, werde ich wohl nie erfahren. Den Grund des nächsten Heulanfalls schon, denn den haben wir momentan täglich. Und wenn wir dann noch am Ort des Verlangens vorbei gehen, ist das „In den Kindergarten gehen!“-Drama vorprogrammiert. Sie rappelt ein paar Minuten am Kindergartentor. Meine (täglichen) Beschwichtigungsversuche „Du darfst nächstes Jahr in den Kindergarten, das ist gar nicht mehr lange“ werden überhört. Nächstes Jahr ist immerhin nicht jetzt sofort.

Ohne weitere Zwischenfälle erreichen wir den Berg. Lotte will in den Buggy. Ich schiebe Buggy samt Kind mehrere hundert Meter bergauf. Keine Ahnung wie steil dieser Berg ist, aber definitiv zu steil um einen besetzten Kinderwagen hochzuschieben (Fitnessuhr rechnet jedenfalls für ca 500-700m fünfzehn Stockwerke an). 50 Meter vor dem Ziel (der eigentlichen Gassirunde) kommen uns die Nachbarn im Auto entgegen. Kurzes Gespräch, die Nachbarin beschließt spontan ihren Mann heimzufahren und mit dem Hund wieder zu kommen. Bis wir die Steigung hinter uns gelassen und die 50m entfernte Parkbucht erreicht haben, ist sie wieder da. Lotte will wieder selbst laufen, denn sie hat ein weiteres Überbleibsel des Schnees entdeckt: ein ca 30cm breites Rinnsal aus Schmelzwasser und viele Matschpfützen. Ich frage mich warum ich ihr Stoffschuhe und keine Gummistiefel angezogen habe, da fällt mir ein, dass wir das Paar Gummistiefel das eigentlich für zuhause ist gestern bei der Oma vergessen habe, weil Lotte da unbedingt die Star Wars Blinkschuhe hatte anziehen wollen. Als sie durch die vierte Pfütze marschiert ist es mir aber schon egal, denn die pinken Schuhe sind mittlerweile braun und die Socken können vermutlich auch nicht mehr nasser werden. Wofür haben wir eine Waschmaschine? Mit Nachbarin und zweitem Hund geht die Gassirunde auch recht flott, denn Lotte ist mit Feuereifer dabei zu erzählen, was sie zum Geburtstag bekommen hat. Aber jede Gassirunde hat mal ein Ende – die Nachbarin ist mit dem Auto gekommen. Wir haben logischerweise keinen Kindersitz dabei und selbst wenn, dann würde der nicht samt Buggy in das kleine Auto passen.
Den Buggy findet Lotte nach wie vor doof, immerhin geht es ja bergab. Der Hund scheint enttäuscht, weil sie nicht zu ihrem Kumpel in den Kofferraum durfte. Wir haben noch zwei Kilometer Restweg. Mit ein wenig Glück beschließt Lotte nach der bergab-Etappe dem Buggy noch eine Chance zu geben.

Als wir nach Hause kommen ist es nach sieben. Lotte will Lego spielen, ich bin herzlos und packe die Legosteine weg. Sie beschwert sich ein weiteres Mal, dass sie JETZT in den Kindergarten will. Oder wenigstens in ihre Spielgruppe. Ich überhöre es. Bis sie im Bett liegt und schläft („Rampel Bett! Baby Born vergessen! Baby Born Mütze! Lied singen! Anderes Lied singen! Nochmal!“) ist es 21:30.

Fast direkt neben meinen Lernunterlagen liegen Lottes Nikolaustüten bis obenhin gefüllt mit Schokolade. Ich zögere kurz, entsccheide mich dann und setze mich aufs Sofa. Mache irgendwas im Fernsehen an, damit es nicht ganz so still ist. Das Kind kriegt sowieso viel zu viel Süßigkeiten geschenkt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s