Studium und Kind

Kind und Praktikum

Kind und Studium mag ja angehen. Das machen ziemlich viele und schaffen das auch ohne Fremdbetreuung – manche sogar ohne Familienunterstützung – ziemlich gut. Diesen Sommer sah ich mich aber vor einem ganz anderen Problem: Kind und Praktikum.

In meinem Studiengang ist ein achtwöchiges Vollzeitpraktikum vorgeschrieben. Meine Idee zu Beginn der Schwangerschaft: Ich mache das Praktikum noch schnell vor der Geburt, dann ist das erledigt und ich gerate nicht in die Vereinbarkeitsfalle. Im Dezember war der Geburtstermin, das von mir ausgewählte Praktikum zog sich von Mai bis August, mit insgesamt nur drei Wochen, die im Juli/August Vollzeit gearbeitet werden mussten. Vorsichtshalber hatte die Chefin nochmal beim Praktikumsbüro nachgefragt: Für mein Fachsemester durfte dieses Praktikum angeboten werden. Bingo!
Insgesamt waren wir drei Mädels aus meinem Studiengang/Fachsemester, die sich für dieses Praktikum entschieden hatten Jede von uns hatte mindestens einmal nachgefragt und das Praktikum sollte problemlos anerkannt werden.
Tja… dann kam der Start. Und plötzlich hieß es: „Nö… der Anfang der Vorbereitungszeit [Anm: ein dreitägiger Lehrgang] war noch im zweiten Semester… das kann so nicht anerkannt werden!“ Und das kam, nachdem ich dem Herrn vom Praktikumsbüro eine detaillierte Mail mit meinem Problem (nämlich dass ich anders keine Möglichkeit haben werde dieses Praktikum zu absolvieren) geschrieben, einmal mit ihm telefoniert habe und zum zweiten Mal da aufgekreuzt bin.
Und jetzt… Nun ja, ich stand wieder am Anfang. Das Praktikum habe ich noch durchgezogen (als bezahltes Ehrenamt) aber der Lösung des Problems „Kind und Praktikum“ war ich keinen Schritt näher. Der reguläre Zeitpunkt für das Praktikum wäre in der vorlesungsfreien Zeit nach dem dritten Semester gewesen, was ca Monat zwei bis vier nach Entbindung gewesen wäre und zu dieser Zeit konnte und wollte ich aus sicherlich nachvollziehbaren Gründen nicht Vollzeit arbeiten. Und ansonsten? Wo findet man auf die Schnelle ein Praktikum, bei dem man trotz Kind Vollzeit arbeiten kann? Muss mein Freund jetzt tatsächlich zwei Monate Elternzeit nehmen, wodurch wir 40% unseres gesamten Familieneinkommens verlieren, damit ich irgendwo arbeiten kann?

Des Rätsels Lösung: Das bereits absolvierte Praktikum.
Irgendwann während dieser drei Wochen kam die eigentliche Chefin, die gerade in Elternzeit war, mit ihrer sieben Monate alten Tochter zu Besuch. Das Mädchen ist ziemlich genau ein Jahr älter als Lotte und die Chefin meinte, dass sie nach dem Jahr Elternzeit wieder voll einsteigt und auch bei diesem Projekt (eine Sommerferienaktion) wieder die Leitung übernimmt – und ihre Tochter würde sie einfach mitnehmen.

Ein Jahr später war ich in der Babypause. Lotte war etwa sieben Monate alt als ich das Team auf dem Platz ein paar Mal besuchte und ich stellte fest, dass es eigentlich ganz gut zu klappen schien. Die Tochter der Chefin flitzte über den Platz und das ganze Team und alle Kinder bemühten sich redlich ihr den Tag so angenehm wie möglich zu machen. Und ein Gespräch mit der Chefin ergibt: Wenn ich es mir zutraue, kann ich dieses Praktikum jederzeit wieder machen – natürlich auch mit Kind. In dieser Aktion wird nämlich authentisches historisches Leben dargestellt – und was macht ein historisches Dorf authentischer und lebendiger als Kinder?

Im Mai ging es dann los und das Praktikum gliedert sich in vier Abschnitte:

Phasen meines Praktikums mit Kind

Der dreitägige Lehrgang

Die Wahlmöglichkeiten:
1. Ich organisiere eine Kinderbetreuung von Mittwoch bis Samstag und fahre alleine
2. Ich nehme eine Betreuungsperson und das Kind mit

Ich habe mich für Möglichkeit 1 entschieden. Der Hauptgrund: Die Aussicht drei Nächte nicht aufstehen zu müssen und mich einfach mal wieder jung und ungebunden fühlen zu können, war einfach zu verlockend.
Würde ich es wieder so machen? Ich denke nicht. Natürlich war es toll, mal wieder einfach unter Erwachsenen zu sein, bis in die Puppen „Werwölfe von Düsterwald“ zu spielen und die Nächte durchzuschlafen. Auch die Gewissheit dass ich mich auf die Inhalte konzentrieren konnte war entspannend und ich wusste ja, dass es Lotte bei ihrem Papa gut geht. Allerdings ist hier ohne mich Landunter – Lotte brauchte ohne mich drei bis vier Stunden, bis sie sich in den Schlaf geweint hatte und den letzen Tag wurde sie zum Schlafen direkt schon zur Oma gebracht, weil sie Papa plötzlich nicht mehr als Zubettbringperson akzeptieren wollte. Und dieses Wissen verdarb mir die angenehm entspannenden Abende doch gewaltig und ich hätte sie aus diesem Grund am liebsten am ersten Abend schon zu mir genommen.

Die Vorbereitungszeit mit Vorbereitungstreffen und Werkabenden

Die Wahlmöglichkeiten:
1. Lotte geht in der Zeit zur Oma
2. Lotte kommt mit
3. Ich lasse Treffen ausfallen

Als ich schwanger war, war tatsächlich Möglichkeit 3 Mittel der Wahl und ich hatte so viel wie möglich von zuhause aus gemacht. Diesmal war es eine Mischung aus 1 und 2: zu den Vorbereitungstreffen kam sie mit, bei den Werkabenden blieb sie bei Oma.
Würde ich es wieder so machen? Ein klares „Ja“. Dadurch, dass sie bei den Vorbereitungstreffen dabei war, lernte sie einen Teil des Teams schon im Vorfeld kennen. Und das ist bei Kindern in diesem Alter immer gut. Ich weiß nicht, ob mir wohl dabei gewesen wäre, wenn ich sie zu seinem Arbeitsplatz mitgenommen hätte, bei dem sie absolut niemanden kennt. Was, wenn ich mal gerade keine Zeit habe? Was, wenn die fremden Menschen ihr solche Angst machen, dass sie nicht von mir weg will und ich zu nichts komme? Da nehme ich es lieber auf mich und unterhalte während ein paar Vorbereitungstreffen ein unwilliges, gelangweiltes Kleinkind und mache es mit den anderen Teammitgliedern vertraut. Anders die Werkabende: Da muss wirklich gearbeitet werden und ein Kleinkind ist eher hinderlich. Und da ich diesen Abend auf den Tag legen konnte, an dem Oma das Kind sowieso den ganzen Tag betreut und auch ins Bett bringt, machte es Lotte auch gar nichts aus, dass ich abends nicht da war.

Der Aufbau

Die Möglichkeiten:
1. Ich organisiere einen Babysitter
2. Ich lasse den Aufbau ausfallen

Ich habe mich fürs Ausfallen lassen entschieden. Es hat mir keiner krumm genommen, immerhin hatte ich die beste Entschuldigung. Und die anderen haben es auch ohne mich ganz wunderbar hinbekommen.

Das Praktikum

Die Möglichkeiten
1. Ich suche mir jemanden der das Kind von morgens um sechs bis abends um sieben betreut
2. Ich baue mir ein Notfallnetzwerk auf, damit Lotte im Krankheitsfall/falls es ihr zu viel wird betreut werden kann und ziehe das Ding mit Kind durch

Die Möglichkeit der Wahl? Nummer 2.
Würde ich es wieder so machen? Auf jeden Fall! Es war nicht immer einfach und manchmal ist es mir auf die Nerven gegangen. Es waren auch nicht wirklich ideale Bedingungen (Dauerregen bei einem Freiluftarbeitsplatz) und manchmal habe ich mir gewünscht ich hätte mich anders entschieden. Ich habe dadurch auch viel verpasst. Bergfest? Eine oder zwei Stunden sind okay, aber sobald alle vom duschen/einkaufen zurück sind, muss ich wirklich los, das Kind ist hundemüde und muss ins Bett. Jeden Abend mit dem Team essen gehen? Ohne mich, essen gehen ist dem Kind zu langweilig und um die Uhrzeit gibt es sowieso nur noch Theater. Übernachtung auf dem Platz? Ist für das Kind noch nichts… nachher erkältet sie sich noch, bei der Nässe.
Aber ich habe es geliebt. Selten habe ich mein Kind so glücklich gesehen, wie als es in diesen drei Wochen den ganzen Tag an der frischen Luft herumrennen konnte, zusammen mit etwa 60 bis fast 160 Kindern (je nach Wetterlage), wo sie alles ausprobieren konnte, was das Kleinkinderherz begehrt (Wie fühlt sich die Masse an, aus der man Papier schöpft? Wie schmeckt das Wasser aus der Weidenwanne? Wie hoch kann ich die Mauer hochklettern? Wie fühlt sich der knöchelhohe Matsch an, wenn man barfuß hindurch läuft? Wie breit muss eine Mauer sein, damit ich darauf noch balancieren kann? Auf welchem Kinder- oder Betreuerarm lässt es sich am besten aushalten? Von wem kann man sich das leckerste Essen schnorren?). Ich war durch die kurzen Nächte und die langen Arbeitstage fix und fertig und auch dass Lotte sich tatsächlich teilweise keinen Meter von mir entfernen wollte war anstrengend. Aber ich hätte mir kein besseres Praktikum vorstellen können.

Erkenntnisse aus drei Wochen Praktikum mit Kind

  1. Kinder sind flexibel – ob sie im Hier und Jetzt Kind sind oder im 16. Jahrhundert macht ihnen wenig aus
  2. Weniger Mama als gedacht: Auch wenn Lotte sich mal wehtat oder erschrak, suchte sie ganz selbstverständlich Hilfe beim nächsten Erwachsenen – ob Mama oder nicht. Notfalls kann die Person der Wahl einen ja immer noch bis zu Mama tragen und bis man da ankommt ist meistens schon alles wieder gut.
  3. Kinder bauen Brücken: Die Kommunikation mit zu betreuenden Kindern ist einfacher wenn man ein eigenes Kind dabei hat.
  4. Kinder geben Sinn: Viele Regeln die ich aufgestellt hatte, wurden aus Rücksicht auf Lotte eingehalten. Statt zu diskutieren weshalb man die verlorene Nadel jetzt suchen sollte, wurde kommentarlos der Boden danach durchkämmt, damit Lotte nicht aus Versehen reintritt.
  5. Kinder sind die besseren Betreuer: Die schwierigsten und betreuungsintensivsten Kinder, die nonstop Aufmerksamkeit forderten und nur Blödsinn machten, die größten Rüpel und Rabauken waren plötzlich ganz zahm, nahmen Lotte liebevoll an der Hand und führten sie vorsichtig dahin, wo sie gerne hin wollte. Und dadurch dass sie tatsächlich auch Verantwortung übernehmen mussten, haben die Kinder noch auf einer ganz anderen Ebene sehr viel für ihre Zukunft mitgenommen – da bin ich mir sicher.

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