Momentaufnahmen

Meinungsverschiedenheiten

Meine Augen öffnen sich, als das erste, zaghafte „Mama?“ aus dem Babyphon tönt. Mein schlaftrunkenes, unwilliges „Sachma Lotte, haste mal auf die Uhr geguckt…?“, das mittlerweile mein gewohnter erster Satz ist, bleibt mir im Hals stecken, als ich die Ziffern selbiger erkennen kann.

Es passiert nicht oft, aber wenn, dann an Tagen wie diesen. Ich muss den frühen Zug bekommen und hatte gestern keine Zeit mehr zu duschen und die Tasche zu packen. Um neun Uhr müssen wir bei Oma sein, sonst komme ich zu spät zum Seminar, dessen Abschluss mehr Credit Points gibt als die Bachelorarbeit. Und Lotte hat verschlafen. Das Kind, das sonst pünktlich zwischen vier und sechs Uhr aufstehen will, wird plötzlich um viertel nach acht wach.

Sofort beginnt es in meinem Kopf zu rattern. Eine Viertelstunde bis zu Oma. Eine Stunde bis wir beide fertig sind – ohne duschen. Das passt nie und nimmer. Duschen muss sein, da geht kein Weg dran vorbei. Ich setze Lotte ihrem Papa auf den Bauch.

„Übernimm du mal“, sage ich und verschwinde im Bad. Über das Rauschen des Wassers höre ich sie nach „Wau-Wau!“ verlangen und weiß, dass sie dabei das Tablet in der Hand hält. Na gut – ist jetzt sein Problem. Und ich hoffe er nimmt es ernst – immerhin weiß er genauso gut, dass wir gleich los müssen, wie ich weiß, dass er keine Zeit hat Lotte selbst zur Oma zu fahren. In diesem Moment höre ich die Intromelodie ihrer Lieblingsserie. „Später!“, rufe ich aus dem Bad. „Denk dran, wir müssen uns beeilen!“ Scheinbar hat es geklappt.

„Ziehen wir dir eine frische Windel an?“, höre ich Papas Stimme, gefolgt von einem fröhlich quietschenden „NEIN!“ und dem Getrappel flüchtender Kinderfüße. Mehr bekomme ich nicht mit, denn sie sind zu weit weg.

 

Zehn Minuten später komme ich aus dem Bad. Lotte sitzt im Schlafanzug auf dem Sofa und guckt die vorhin angefangene Folge ihrer Lieblingsserie auf dem Tablet. Ernsthaft? Gut, wenn ich sie anziehe, sieht es besser aus und er ist sich gerade bei wechselhaftem Wetter manchmal nicht wirklich sicher, wie dick sie angezogen werden muss. Okay. Der große Windelkampf sollte schon gefochten sein, zehn Minuten passen dafür schon. Zwei Minuten Kleider raussuchen, zwei weitere Minuten um sie auch anzuziehen – so weit wirft mich das in meiner Planung nicht zurück.

„Frische Windel hat sie an, oder?“, vergewissere ich mich.

Papa sieht mich an, als hätte ich was ganz Schlimmes gesagt.

„Aber sie hat doch nein gesagt!“

Ach ja. Ich vergaß.

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