Studium und Kind

Geht das überhaupt?

„Ein Kind im Studium – geht das überhaupt?“, ist die Frage, die ich am häufigsten höre, seit ich ein Kind habe. Sie wird immer im selben Zusammenhang gestellt und langsam ist es die Frage, die mich am meisten nervt. Das liegt nicht zuletzt an denen, die diese Frage grundsätzlich stellen. Diese Leute gliedern sich in

1. Mütter in Elternzeit

2. Studenten, die das Feiern-saufen-und-morgens-total-verkatert-in-der-Vorlesung-schlafen-Klischee leben

3. Menschen über 60, die ihre Kinder in Zeiten großgezogen haben, in denen es ganz normal war, dass das Gehalt des Mannes ausreichte und die Frauen es nicht „nötig hatten“ zu arbeiten

Kurz: Leute, die niemals mit dem Problem der Vereinbarkeit konfrontiert waren. Diese Leute spalten sich wiederum in zwei Lager: Das „Sowas ist absolut verantwortungslos!“-Lager und das „Ich bewundere dich dafür total“-Lager.

Beide finde ich nicht so gut.

Klar, ein Kind im Studium ist anstrengend. Ich habe mir nach zwei vergeigten Semestern eine Höchstgrenze für Prüfungen setzen müssen und schreibe die Bachelorarbeit, die ich eigentlich jetzt anmelden wollte, erst nächstes Frühjahr. Der Grund: ich habe nicht so viel Zeit. Ich will Zeit mit meiner Tochter verbringen, habe nur begrenzte Zeitfenster zum lernen und muss immer damit rechnen, dass Lotte pünktlich zur Klausur krank wird. Aber dafür will ich weder bewundert noch verurteilt werden.

Was ist an einem Kind im Studium verantwortungsloser als ein Kind wenn man arbeitet?

Das Geld? Mein Partner arbeitet Vollzeit, wir haben vermutlich mindestens so viel Geld wie eine Familie bei denen beide Eltern Sozialhilfe beziehen und können ganz gut einschätzen ob wir uns mit diesem Einkommen ein Kind leisten können.

Die Zeit? Ich habe definitiv mehr Zeit als berufstätige Mütter (neudeutsch: Working Moms“. Ich kann mein Kind an fünf von sieben Tagen in der Woche selbst großziehen. Und an den anderen Tagen hat es statt Erziehern oder Tagesmutter eben Oma, Uroma, Uropa und Großtante. Wo ist der Unterschied?

Die Zeit, die ich länger studiere? Oft wird mir vorgeworfen, dass ich wegen Lotte länger studiere und somit dem Staat länger auf der Tasche liege, ohne meinen Beitrag zu leisten, gerne garniert mit hämischen Kommentaren über Altersarmut und Renten unter dem Existenzminimum. Tatsächlich bin ich der Meinung dass Mütter die Verlierer des Rentensystems sind, aber diese Sprüche sind Bullshit. Ich habe für mein Abitur durch mehrere Schulwechsel und eine freiwillige Ehrenrunde vierzehn Jahre, statt der üblichen zwölf gebraucht. Ich habe ein FSJ gemacht. Da hat sich niemand beschwert. Aber wehe ich brauche sieben Semester für den Bachelor statt der sechs Semester Regelstudienzeit, weil ich ein Kind habe – dann weiß jeder warum. Dass Kommilitonen ohne Kind teilweise mehr als zehn Semester brauchen ist da irrelevant. Ich habe Kommilitonen, die nach sechs Semestern nicht einmal die Hälfte der Prüfungen geschrieben haben  und welche, die mal zwei Semester dies studieren, mal drei Semester das. Diese Kommilitonen „müssen sich halt orientieren“ oder „genießen das Studentenleben“. Wahlweise sind sie ganz gönnerhaft „ja nur einmal jung“. Ich will ja nicht jammern, aber diese Doppelmoral kotzt mich mittlerweile an. Ja, diese Kommilitonen sind für niemanden verantwortlich, aber ist das ein Grund mit so unterschiedlichem Maß zu messen?

In dieser Hinsicht ist mir die „Ich bewundere dich“-Fraktion mir lieber, obwohl ich für so etwas nicht bewundert werden will. Man kann Leute für etwas bewundern, was nicht viele schaffen können. Und das ist ein Studium mit Kind meiner Meinung nach nicht. Es ist einfach die Entscheidung, die die meisten nicht treffen können (und für die Entscheidung an sich will mich niemand so recht bewundern…) Das eigentliche Studium – zumindest in meinem Fach – das kann jeder. Man muss es nur wollen können.

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