Rabeneltern · Studium und Kind

Guten Tag, mein Name ist Rabenmutti

„Weißt du, ich finde das ja irgendwie schon egoistisch.“
„Bitte?“
Meine Hand wandert automatisch zu der Tasse, die aus Versehen ein wenig zu nah an der Tischkante gelandet ist und ziehe sie weiter zur Tischmitte. Von unten höre ich ein leises Schimpfen und Lottes Hand streckt sich ein wenig höher, schafft es aber nicht die Tasse zu erreichen.
„Das, was du vorhin gesagt hat. Mit dem Kitaplatz.“
Meine Bekannte scheint froh zu sein, das los geworden zu sein. Ich allerdings weiß jetzt nicht, was daran übermäßig egoistisch sein soll. Natürlich erinnere ich mich an das Gespräch. Es ging darum, dass ich ein bisschen Angst habe, dass wir für Lotte keinen Platz bekommen, wenn sie drei wird. Da ich nach meinem Bachlor, den ich vermutlich um Lottes zweiten Geburtstag herum haben werde, noch meinen Master machen will, haben wir uns zwar zeitig darum gekümmert, aber gerade Ganztagsplätze sind rar. Und hier in der Gegend gibt es leider auch nicht so viele Kitas, dass man das Kind vorsichtshalber schon mal in drei oder vier auf die Warteliste setzen lassen kann (okay, man kann schon, allerdings steht für uns nur eine wirklich zur Debatte, da alle übrigen mindestens zwei Orte weiter und logistisch für uns unmöglich zu erreichen sind, zumindest wenn ich zur Uni muss). Was daran egoistisch sein soll, verstehe ich allerdings wirklich nicht. Gut, sowas habe ich schon gehört, wenn Mütter ihre Kinder in eine Krippe geben, vielleicht sogar schon mit acht Wochen. Da tönt es ja von überall her, dass die karrieregeile Mutter ihr arbes Kind abschiebt, kaum dasss es überhaupt mal da ist. Bei dreijährigen habe ich so etwas allerdings noch nie gehört – eher dass es ja langsam Zeit wird und man ja nicht ewig auf der faulen Haut liegen kann (und ich überspitze hier nichts – manche Menschen haben wohl keine Ahnung oder sind einfach nur merkwürdig).
Ich jedenfalls versuche mal Licht in die Sache zu bringen.
„Was ist mit dem Kitaplatz?“, frage ich. „Ich befürchte halt wir kriegen vielleicht nicht direkt einen. Und noch ein halbes Jahr oder länger zu warten…“
„Das ist es ja“, unterbricht sie mich. „Wofür brauchst du den Platz?“
Wie jetzt? Die Verwirrung muss mir ins Gesicht geschrieben stehen, denn jetzt wird sie endlich mal etwas präziser.
„Du musst doch jetzt nicht so oft an die Uni. Hast du doch gerade selber gesagt.“
Was? Gut, das Gespräch von gerade ging darum, dass ich während des Masters nicht mehr als ein, vielleicht zwei Module pro Semester belegen wollte, was zwei bis vier Seminaren pro Woche entspricht, also mit ein wenig Glück wieder mal nicht mehr als zwei oder drei Tage.
„Und was hat das mit dem Kitaplatz zu tun?“
„Na dann brauchst du ihn doch nicht.“
Jetzt kann ich wirklich nicht viel mehr als sie einfach verständnislos anzuschauen.
„Deine Mutter kann doch weiter auf Lotte aufpassen, wenn du studierst. Dann musst du den Platz auch nicht Leuten wegnehmen, die vielleicht Vollzeit arbeiten und ihn wirklich brauchen.“

Ja. Ich gebe es zu, ich bin eine egoistische Rabenmutti. Da will ich doch glatt ein dreijähriges Kind in die Kita abschieben, wo meine Mutter doch weiterhin all ihre freien Tage dafür opfern könnte auf ihr Enkelkind aufzupassen. Ganz davon abgesehen, dass ich das Kind dann auch in Fremdbetreuung abschiebe, wenn ich gerade kein Seminar habe und demnach nichts anderes tue als mir zuhause die Eier zu schaukeln.
Wie kann ich nur.
Ich diskutiere nicht. Mit der einen Hand trinke ich noch einen Schluck, mit der anderen hindere ich Lotte daran die Tischdecke samt Geschirr herunter zu ziehen. Für Grundsatzdiskussionen habe ich momentan keine Nerven. Ich bin schlicht und ergreifend zu müde.
Ich sollte an die armen anderen Eltern denken und den Rest meines Vollzeitstudiums auch im Master auf die Zeit zwischen 22:00 und 04:00 Uhr legen.

Ein Kommentar zu „Guten Tag, mein Name ist Rabenmutti

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